Rezension Belletristik

Die Jüdin von Toledo

Er freute sich knabenhaft, wenn sie Worte und Wendungen seiner kastilischen Soldatensprache gebrauchte. Zum Danke war er dann wohl den arabischen Mantel über, wenn sie ihm am Brunnen ihre Märchen erzählte. Als sie ihn freilich bat, den Bart abnehmen zu lassen, da sie sein Gesicht nackt sehen wolle, lehnte er’s barsch ab. “Das tun nur Joglares, Gaukler”, empörte er sich. Sie nahm es ihm nicht übel, sie lachte. Es war keine Fremdheit zwischen ihnen, sie waren eins … (S. 185)

Um die Weihnachtstage hatte ich mir vorgenommen, mal wieder einen Klassiker zu lesen. Natürlich bin ich erst viel später dazu gekommen, den Feuchtwanger aus dem Bücherregal zu nehmen. Die Geschichte der Jüdin von Toledo kannte ich bereits von meiner Oma, die mir bei einem Spaziergang vor wahrscheinlich nicht weniger als zehn Jahren davon erzählte.

Jehuda Ibn Esra tritt in die Dienste des christlichen Königs Alfonso. Während andernorts zum heiligen Kreuzzug gerufen wird, blüht im Kastilien des 12. Jahrhunderts unter den Händen dieses Juden die Wirtschaft. Seine Tochter Raquel indes erregt das Interesse des Königs und zieht als Nebenfrau in dessen Lustschloss. Nicht gerngesehen von der Königin. Nicht gerngesehen von der Kirche.

Beeindruckt hat mich die recht unparteiische Auseinandersetzung mit den einzelnen Kulturen und Glaubensrichtungen. Lion Feuchtwanger lässt den großen Kampf der Religionen nicht nur auf dem Schlachtfeld sondern auch in emotionalen Streitgesprächen austragen. Die Protagonisten bekommen eine Geschichte, eine Meinung, ein unwillkürliches Ziel im Leben.

Ein Buch, in dem man sich verfängt, in dem man mitleidet, in dem man das Schwert führt und den Kopf schüttelt. Ein Buch für alle Philosophen und Freunde der Mittelalterromane, für Liebhaber klassischer Literatur und für weltoffene Diskutanten.

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Lion Feuchtwanger: „Die Jüdin von Toledo”
Aufbau Taschenbuch Verlag 2000

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