Fehlerkultur: „Perfektionismus können wir uns gar nicht erlauben“

Ein Gespräch mit Tijen Onaran über Fehlerkultur in der Kommunikationsbranche

Die Kunst des Scheiterns“ war jüngst ein Veranstaltungstitel der Leipziger Studentenvereinigung LPRS – Leipziger Public Relations Studenten e.V., die sich erstmalig auf größerer Bühne mit dem Thema Fehlerkultur in Zusammenhang mit PR widmete. Fernab der geleisteten Impulse, Diskussionsbeiträge und aller augenzwinkernden Anekdoten bleibt Raum für die Frage, welchen Stellenwert Fehler bei Kommunikationsprofis einnehmen. Rein professionell gesehen. Rein strategisch. Auf Meta-Ebene sozusagen.

Wie wird der Umgang mit Fehlern in Unternehmen oder auf Agenturseite gestaltet? Gina Cimiotti, ehemaliges Vorstandsmitglied des LPRS und Studentin des Master Communication Management an der Universität Leipzig, sowie Annett Bergk, Redakteurin des PR-Journals, haben dazu mit Tijen Onaran, Gründerin der Global Digital Women, gesprochen, die vor kurzem sogar im Podcast „Fehlerkultur“ mit Julian Barsch und Lina Barbie im Interview war.

Cimiotti: „Fehler machen dürfen.“ Was bedeutet das für Sie?

Onaran: Mit Fehlern verbinde ich in erster Linie, mich selbst zu akzeptieren, wie ich bin. Zu verstehen, dass es in Ordnung ist, nicht makellos zu sein und auch mal eine falsche Ausfahrt zu nehmen. Gleichwohl muss man dieses Verständnis gegenüber anderen Menschen zulassen, die vielleicht komplett andere Ansichten und Meinungen haben. Von diesem gegenseitigen Verständnis können wir meiner Meinung nach im Sinne einer diversen Arbeitsgesellschaft enorm profitieren.

Bergk: Fehlerkultur. Da haben wir es wieder. Ist Fehlerkultur für Sie ein echter Treiber von Innovation? Oder spielt Agilität die größere Rolle?

Onaran: Eine gesunde Fehlerkultur und Diversität sind die heutigen Treiber von Innovationen. Allerdings machen agile Methoden noch lange keine Fehlerkultur aus. Grundsätzlich ist es gut, dass Unternehmen erkannt haben, dass es gestiegene Ansprüche an die Gestaltung der Arbeitskultur gibt und neue Konzepte unter dem Stichwort New Work diskutieren. Aber jedes Unternehmen vom Start Up bis zum Traditionskonzern sollte sich zunächst ganz individuell mit der Frage auseinandersetzen, ob und in welchem Maß diese neuen Arbeitsmodelle auch passen. Mit flacheren Hierarchien, Agilität etc. gehen zwar mehr Freiheiten aber auch eine gestiegene Verantwortung einher. Zentrales Thema der Debatte muss die Rollenverteilung innerhalb der neuen Arbeitsformen sein. Es wird viel von den Führungskräften erwartet, aber auch als Mitarbeiter sollte ich mir die Frage stellen: Was bin ich bereit zu geben? Ein offener, ehrlicher Dialog ist Voraussetzung.

Cimiotti: Fehlerkultur und Diversität – schön und gut. Während andere Unternehmensbereiche in geschützten Räumen ihre Produkte entwickeln, ist die Kommunikationsbranche hingegen quasi ständig gezwungen, Output zu generieren. Oft auch schnell, ohne lange Planungsphasen. Ist die PR-Branche damit generell anfälliger für Fehler?

Onaran: Dass Kommunikatoren unter einem hohen Druck stehen, was die Qualität und Präzision aller Botschaften angeht, liegt wahrscheinlich in der Natur der Sache. Die ständige und gewollte Sichtbarkeit hat mit dem Aufkommen der Social Media und der Digitalisierung von Kommunikationsplattformen noch einmal zugenommen. Neben der Herausforderung für Unternehmen, online ständig erreichbar zu sein und zu reagieren, bieten die Social Media allerdings auch unheimliche Chancen. Wurden vor einigen Jahren noch mittels Pressemitteilungen ausschließlich in eine Richtung kommuniziert, haben Organisationen jetzt die Chance mit ihren Communities über die üblichen Peer Groups hinaus zu interagieren und auch so wieder diverse Perspektiven zuzulassen, von denen sie profitieren können. Also: Anfälliger ja, aber die Chancen überwiegen meines Erachtens die Entwicklungen.

Cimiotti: Wie wirkt sich das auf die Qualität einzelner Kommunikationsmaßnahmen aus? Wie gehen Sie und Ihr Team mit dem Spannungsfeld zwischen “Get things done” und dem eigenen Anspruch an hohe Qualität um?

Onaran: Fehlerkultur heißt ja nicht, dass mehr Fehler gemacht werden sollen und damit die Qualität der Arbeit leidet. Vielmehr kann sie dazu beitragen, wichtige Attribute wie Nahbarkeit und Ehrlichkeit in unserer Arbeitskultur zu verankern – und dem vorrangig herrschenden Drang nach Perfektionismus etwas Einhalt zu gebieten. Vor allem dort, wo alles mit dem Siegel “Made in Germany” verkauft wird, ist es schwierig, ein Stück weit vom Perfektionismus abzulassen. Dabei können wir uns offen gesagt, bei der Geschwindigkeit mit der wir heute arbeiten, so etwas wie Perfektionismus gar nicht erlauben.

Bergk: Den offenen Umgang mit Fehlern zu predigen, ist leicht. Der Weg, eine veränderte Mentalität unternehmensweit (!) zu verinnerlichen, ist schon schwieriger. Kann oder muss man Scheitern gar lernen?

Onaran: Hier sind ganz klar Führungskräfte gefragt. Sie müssen in ihrer Rolle als Visionäre vorangehen. Es braucht Menschen, die das „Bigger Picture“ vorgeben und immer wieder verdeutlichen, was gut lief, was falsch lief und wohin die Reise gehen soll. Neben der Vorbildfunktion von Führungskräften könnte man aber auch an neue Stellenprofile denken, etwa einen Fehlerbeauftragten, der den Kulturwandel anstößt, in dem zum Beispiel Formate zum Austausch über Fehler wie Fuck Up Nights oder gesicherte Kommunikationsräume zum Ausprobieren und Üben geschaffen werden. Wahrscheinlich sind auch ganz neue Rollen innerhalb des Unternehmens notwendig. Ein Chief Mistake Office als Stabsstelle, angedockt zur oberen Führungsriege – ich würde mich drauf bewerben!

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