Tante Hatting

„Sprich hochdeutsch, mein Junge! Sonst denken die Leute noch, du wärest ungebildet“, sagte Tante Friedel und zog mir zu allem Übel auch noch die Schultern nach hinten. „Wie du wieder da sitzt …“, fügte sie kopfschüttelnd hinzu und nahm endlich wieder Platz. Vater hatte schon Recht. Es wäre wohl am besten, wenn ich ihr erst später erzählte, dass ich vor kurzem mein Studium abgebrochen hatte. Vielleicht ein paar Jahre später. Sie sah mich erwartungsvoll an.
„Na? Warum seid ihr hier? Brauchst du Geld?“
„Tante Friedel!“, empörte ich mich und biss mir auf die Lippen. Tante. Taan-Te. Ein zweiter Versuch: „Tante Friedel, ich woll-te dich be-su-chen, weil ich dir einen Besuch …“

Mist. Da war es wieder. Den Anfang vom Satz vergessen. Tütenkopp! Verdammt. Nur wegen diesem Ausgespreche. Nun nur nichts anmerken lassen!

Im Hintergrund eine Klospülung. „Ich dich besuchen woll-te!“ Sie zog eine Augenbraue hoch, seufzte und schüttelte leicht den Kopf. Ob sie wohl bald sterben würde? Wieder ohrfeigte ich mich innerlich und zwang mich zur Konzentration. Sie zeigte mir ein Buch.

Ein Buch, okay. Und nun?

„Nun nimm schon, mein Junge! Und dass du es mir auch ordentlich wegpackst, ja? Dein Vater muss es nicht unbedingt finden.“ Mein Blick streifte nur kurz über die goldenen Buchstaben auf dem ledernen Einband. TINNEF stand da. In dem Moment klopfte es an der Tür und mein Vater trat ein. Geistesgegenwärtig hatte ich den Wälzer in meine Tasche gestopft und tat nun interessiert an einem Zeitungsausschnitt, der auf dem Tisch lag.
„Mein Jott, Tante Hatting, musste nich zu dein Friseur?“, fragte er und wurde von einem bösen Blick getroffen. Er nannte sie schon immer so. Eine Angewohnheit, die sich bei Großeltern und Tanten durchgesetzt hat. Opa Heinz hieß nur Stöcker, Oma Erna Zippe. So ist es einfacher, pflegte er zu sagen. So weiß man gleich, wo sie wohnen. Mit einer wilden Armbewegung deutete er mir, aufzustehen. Wir wollten noch Arbeitskluft kaufen für die Ausbildung. Das durfte die Tante natürlich nicht wissen.

Das würde sie umbringen. Und wer soll sie denn wegräumen? Wo wir doch heute noch zum Betrieb müssen und dann die Mama abholen. Das Gemoser brauchen wir nu echt nich.

In langsamen hochdeutschen Sätzen verabschiedete ich mich und wenig später saßen wir im Auto nach Hause. Während der Vater auf die Leute schimpfte, die über die Straße gingen, rannten oder fuhren, warf ich einen Blick in meine Tasche und schlug das Buch nur ein klein wenig auf. TINNEF stand da noch einmal. Und darunter: „Von Mischpoke und anderen Krankheiten. Ein Buch von Tante Hattingen.“ Und ich grinste vor mich hin.

__

Noch mehr Schoten
Schreiblust Verlag 2012
Seite 101 f.

Hier erhältlich.
Zurück zur Startseite.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.